Wer sich nicht bewegt, verändert nichts – Projektarbeit in Russland

Über unser Projekt
Über Aktion Sühnezeichen bekamen wir 1991 die ersten Kontakte nach Russland und speziell zu dem jährlichen Workcamp in Samara (ehemals Kuibijschew). Diese Millionenstadt an der Wolga war Jahrzehnte durch die Rüstungs- und Raumfahrtindustrie geprägt. Seit der Öffnung des Gebietes für Ausländer bestehen unsere engen Kontakte dorthin. Bis heute nahmen ca. 300 Jugendliche und Erwachsene an ganz unterschiedlichen Maßnahmen wie Workcamps, Jugendbegegnungen, Freiwilligendienste, Hilfstransporte oder ähnlichem in Samara und Leipzig teil. Einsätze in Invalidenheimen, Einrichtungen für benachteiligte Kinder und Jugendliche sowie Kirchgemeinden standen dabei im Mittelpunkt.

Вячеслав Владиленович Барышевский war in seinen Funktionen als Sprachmittler, Lehrer, Pädagoge, Liedermacher, Moderator und Journalist ein außergewöhnlicher Mensch. Sein plötzlicher Tod hinterlässt für uns hier nicht nur in Russland (Samara und Sankt Petersburg), sondern auch in Deutschland eine schmerzhafte Lücke. Auch als Lebenskünstler und Weltenbürger war er vielfältig unterwegs; sein Lebensmaxime wurde von Völkerverständigung und leidenschaftlicher Versöhnungsarbeit geleitet.
Familiäre Wurzeln
Slawas tiefes Interesse an der deutschen Sprache und Kultur war kein Zufall, sondern familiär verwurzelt. In der Nachkriegszeit wurden im damaligen Kuibyschew im Zuge der „Aktion Ossawakim“ deutschen Raketenspezialisten russische Ingenieure zur Seite gestellt. Slawas Vater arbeitete eng mit diesen Deutschen zusammen. Aus der beruflichen Kooperation entstanden echte menschliche Freundschaften. Dies inspirierten Slawa nachhaltig, die deutsche Sprache zu studieren und sein Leben der deutsch-russischen Verständigung zu widmen. In einem älteren Interview gab er zu verstehen, dass bereits sein Großvater im Oblast journalistisch als Agitator u.a. für die TASS aktiv war.
Künstler und Journalist
Journalistisch nahm sein Werdegang richtig Fahrt auf als er in den 90ger-Jahren beim regionalen Fernsehsender SKAT (ТРК СКАТ) mit eigenen Formaten zu regionaler Bekanntheit gelangte. Was letztlich dazu führte, dass er seine persönliche Werbe- und Produktionsfirma erschuf.
Seine publizistischen Fähigkeiten nutzte er gekonnt, um in postsowjetischen Zeiten eine Stimme auf soziale Belange aufmerksam und so Schicksale bekannt zu machen. Daraus entstand letztlich eine wichtige Broschüre und Zeitzeugnisse über ehemalige sowjetische Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter, die nach der Sowjetdiktatur erstmal in solch einem Format auf ihre Schicksale im faschistischen Deutschland aufmerksam machen konnten.
Slawa verstand es, Menschen nicht nur durch Organisationstalent, sondern auch mit Herz und Verstand zu erreichen. Als Musiker und Liedermacher begleitete er fast alle internationalen Aktivitäten mit Charm und Gitarre. Seine Lieder handelten oft von Vergangenem, Frieden und gelebter Solidarität.
Gründung von „Edinij Mir“
Anfang der 1990er-Jahre wagte Slawa als zivilgesellschaftlicher Pionier einen erstaunlichen Schritt, hin zu einer eigenen NGO, welche letztlich bei der örtlichen Stadtverwaltung 1999 mit Единый Mир (Eine Welt) erfolgreich seine erste Registrierung erfuhr, inspiriert von der Eine-Welt-Arbeit in Leipzig leitete Slawa diese seine Organisation über 22 Jahre lang geschäftsführend. Trotz bürokratischer und administrativer Hürden weitete er das Netzwerk unermüdlich aus:
- Humanitäre Hilfen: Bereits 1991 knüpfte Pax Christi Nürnberg/Fürth erste Kontakte nach Samara aus denen ein Hilfstransport sich entwickelte, später wurden von Leipzig aus zwei weiteren Fahrten in Angriff genommen u.a. mit Materialien zur dortigen Universitätsklinik. Später wurden auch Rollstühle und andere notwendige Güter mit der Bahn von Berlin nach Samara transportiert.
- Freiwilligendienste & Workcamps: In den ersten Jahren organisierte er in enger Zusammenarbeit mit der Aktion Sühnezeichen (ASF/ Friedensdienste) – später eigenständig mit Eine Welt e.V. Leipzig – internationale Jugendbegegnungen. Hunderte junge Menschen nicht nur aus Deutschland und Europa fanden über diese Kanäle ihren Weg nach Samara, nicht zuletzt als Freiwillige für ein Jahr und länger (anfänglich im Zivildienst als ADIA – später IJFD, als Boschfreiwillige auch im EFD später ESC über SALTO / Erasmus+).
- Kriegsgräber- & Erinnerungsarbeit: Am Anfang stand sein ureigenes Interesse an Geschichte und das persönliche Engagement für die Gräber deutscher Kriegs-gefangener, aber auch jener internierten Spezialisten im Bezirk Uprawlenski. Zusam-men mit dem Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge wurden diese weiter gepflegt und mit entsprechenden Gedenktafeln versehen.
Im Laufe der Zeit verstärkte sich parallel sein Interesse für die Geschichte russischer Zwangsarbeiter. Hierfür knüpfte er erste Kontakte im Umkreis von Samara z.B. mit Maria Sergejewna und ihrem Verein. Ihre Geschichte und vieler anderer wurden so dem Vergessen entrissen und besonders durch Slawas Talent gerettet und z.B. Schulen zugänglich gemacht.
- Einsatz an gesellschaftlichen Rändern: In vielen Begegnungen standen politische, soziale und religiöse Fragen im Mittelpunkt. Die Freiwilligen arbeiteten an unter-schiedlichen Brennpunkten. Slawa koordinierte diese Hilfsprojekte für Menschen mit Beeinträchtigungen (u.a. im Projekt Hoffnungswind über RENOVABIS, GENIALSOZIAL, Stifter Helfen), unterstützte die tatarisch muslimische Minderheit über Freiwilligeneinarbeit in der Region und verfasste wichtige Beiträge zur gesellschaftlichen Wahrnehmung vor Ort.
Aus diesen Kontakten entstanden nicht nur feste Freundschaften, sondern auch echte Beziehungen fürs Leben, aus denen inzwischen generationsübergreifend die begon-nene Arbeit eine Fortführung findet.
Kirchliches Engagement
Obwohl er aus einer Familie mit polnischen Wurzeln stammte, entdeckte Slawa seinen Glauben erst im Laufe der Zeit neu, was letztlich sich als Glücksfall für die jeweilige Gemeindearbeit erwies:
In seiner Heimatstadt engagierte er sich intensiv beim Wiederaufbau kirchlicher Strukturen. Er half aktiv mit, seine Samaraer Pfarrei zu einem Ort der Begegnung und sozialer Hilfen zu entwickeln.
Nach dem schmerzvollen Umzug nach Sankt Petersburg im Jahr 2012 fand Slawa in der St.-Stanislaus-Gemeinde eine neue geistliche und kreative Heimat. Gerade hier brachte er sich bis zu seinem letzten Tag als Musiker, Denker und Organisator voller Energie in das Gemeindeleben ein. Das geschah auch in einer Zeit besonderer politischer Entfremdungen, auch persönlicher Tragödien und nicht zuletzt gesundheitlicher Rückschläge
Workcamp / Jugendaustausch
Seit 1993 sind wir regelmäßig im Rahmen unseres jährlich stattfindenden Sommerlagers zu Gast in Samara. Begonnen hat unsere Arbeit mit einfachen Hilfestellungen bei Baumaßnahmen in der ev.-luth. Kirche. Durch neue Bekanntschaften und Kontakte sind wir mittlerweile mehrdimensional tätig. So arbeiten wir mit verschiedenen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche sowie Invaliden- und Behindertenverbänden zusammen. Außerdem unterstützen wir seit 10 Jahren in der Nachbarstadt Sysran das deutsche Kulturzentrum und dessen Jugendclub. Dort halfen wir z. B. bei Umbauarbeiten und der Neueinrichtung mit. Hieraus entwickelte sich mit der Zeit ein interessanter Austausch und wir erfuhren sehr viel über das Schicksal der Wolgadeutschen in dieser Region. Mehrfach wurden wir in ihre Dorfgemeinschaften eingeladen und lernten so ihre Situation noch besser kennen. Zum Teil unterstützten sie uns auch sehr tatkräftig bei der Durchführung verschiedenster Projekte. Hieraus entstand mit der Zeit ein sehr reger Jugendaustausch zwischen Russland und Deutschland, der über uns organisiert wird.
Nähere Informationen hierzu siehe auch unter Workcamps
Mit der Schulklasse nach Russland
Wir organisieren mit euch/eurem Lehrer die komplette Reise von der Beantragung der Fördermittel über das Visum bis hin zu euren Aktivitäten vor Ort. Lernt dabei unsere Arbeit und unsere Projekte kennen, aber auch die russischen Menschen und ihre Gastfreundschaft.
Russland ist manchmal rau, aber immer auch sehr herzlich! Wenn ihr Lust habt diese Erfahrung zu machen, dann nehmt Kontakt zu uns auf. Schreibt eine mail an: sebastian@einewelt-leipzig.de oder ruft an: 0341/3010143
Zeitzeugenarbeit
Neben einer thematischen Auseinandersetzung mit Stalinismus, Faschismus und Demokratie entwickelte sich in der Vergangenheit eine intensive Zusammenarbeit mit dem Opferverband ehemaliger Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in Samara. In einer kontinuierlichen Erinnerungsarbeit und im interkulturellen Dialog zwischen Jugendlichen und Zeitzeugen sehen wir ein wichtiges Anliegen unseres Engagements. Im Herbst 2005 konnte ein langersehntes Projekt durch Fördermittel realisiert werden. 10 ehemalige Zwangsarbeiter besuchten Leipzig, Buchenwald und Berlin und konnten sich nach vielen Jahren mit der schlechten Erinnerung an diese Orte versöhnen.
Projekt: Hoffnungswind – Unterstützung von Familien mit Kindern mit Behinderung
Seit 2007 unterstützen wir mit unseren Partnern vor Ort Familien mit Kindern mit Behinderung. In diesem Rahmen haben wir nicht nur eine Frühfördereinrichtung aufgebaut, sondern führen auch Sensibilisierungs – und Weiterbildungsmaßnahmen durch. Für das Projekt wurde eine eigene website erstellt, die ausführliche Informationen zum Projekt enthält.
Unser Rundbrief!
Zweimal im Jahr erscheint ein Rundbrief zu unserer Projektarbeit und Berichten aus den Einsatzstellen der Freiwilligendienste. Der aktuelle Rundbrief kann hier heruntergeladen werden. Wenn ihr ihn lieber per mail erhalten wollt, schreibt eine an: sebastian@einewelt-leipzig.de und abonniert unseren Rundbrief. Russlandrundbrief 9

